Ein Beitrag von Wolfgang Hrapia
Die Vermischung der Welt – Ein globales Kunstprojekt.
oder
Wie entsteht ein globales Kunstprojekt?
1. Kontext Eins
Globalisierung hat Geschichte.
Vor ca. 60 000 Jahren verließen die ersten Menschen Afrika und starteten damit die erste Globalisierung.
Abgeschlossen war dieser Prozess als wir uns mit der Besiedelung von Polynesien weltweit ausgebreitet hatten.
Diese globale Tat erfolgte allerdings in einem Zustand der Unwissenheit. Niemand wusste vom Gelingen der weltweiten Besiedelung, niemand postete – „Sind am äußersten Rand angekommen, die Welt ist besiedelt.“
Die zweite Phase der Globalisierung begann als die überlebenden Männer von Magellans Mannschaft nach 1081 Tagen im Jahr 1522 wieder in Spanien landeten. Sie segelten einmal um die Welt und stellten dabei fest, es ist eine Kugel und keine Scheibe, auf der wir leben. Es war eine gefährliche Reise. Von den ehemals 5 Schiffen und 240 Mann kam ein Schiff mit 90 Seeleuten zurück.
Die dritte Phase der Globalisierung erfolgte 446 Jahre später. Beim sogenannten „Wettlauf zum Mond“ zwischen der UDSSR und der USA fotografierte der Astronaut William Anders 1968 unseren Planeten von außen. Das Foto bekam den Namen „Earthrise“ und es entfachte eine besondere geistige und spirituelle Wirkung. Erstmals hatten wir Menschen – angefangen mit Juri Gagarin am 12.4.1961 winzige Beiboote mit menschlicher Besatzung ausgesetzt, und konnten unser schönes und verletzliches Raumschiff von außen bewundern.
1989 fiel die Mauer, 1991 löste sich die UDSSR auf. Die Welt war bis dahin durch irrsinnige Ideologien und Machtansprüche jahrzehntelang im Großen und Ganzen in zwei unterschied-liche Lager geteilt. Plötzlich öffneten sich die Grenzen und die Welt war weit und offen.
Eine enorme wirtschaftliche, technologische und intellektuelle Kraft wurde freigesetzt, die das Leben aller stark veränderte.
Damit begann eine Zwischenphase der Globalisierung die „Beschleunigte Globalisierung“ in der wir gerade eben noch leben.
Heute sind wir fast zu diesem berühmten „globalen Dorf“ zusammengewachsen.
Wir sind in den meisten Bereichen weltweit vernetzt und wissen ziemlich genau wie es um unseren Planeten bestellt ist.
Als Kind des kalten Krieges hatte Globalisierung für mich die Hälfte meines Lebens keine Be-deutung.
Eines Tages 2011 erkannte ich das die Welt, in der wir lebten, seit dem Fall der Mauer 1989 und der Auflösung der UDSSR 1991 eine komplett andere geworden war. Die Welt war nicht mehr unüberwindbar in den Ost,- und den Westblock getrennt.
Es war eine globale Welt im Werden!
Meine Frage war, wie lässt sich in der Sprache der Kunst diese neue Zeit ausdrücken.
Die Antwort lautete, eine globale Welt sollte durch ein globales Kunstprojekt abgebildet werden.
Wie wäre es, wenn ich aus jedem Land der Welt einen Teelöffel voll Erde oder Sand sammeln würde, um diese dann als Zeichen des globalen Zeitalters miteinander zu vermischen?
Ich habe Erde und Sand aus mehreren Gründen gewählt. Weltweit haftet dem Boden etwas sehr Besonderes an.
Schöpfungsmythen erzählen die Erschaffung des Menschen aus der Erde. Der Begriff „Mutter Erde“ ist für die meisten Menschen nachvollziehbar. In allen Ländern gibt es mindestens einen Fleck Erde der den Bewohnern heilig oder wichtig ist. Den wesentlichen Teil unserer Nahrung schenkt uns die Erde. Menschheit und Erde, sind auf das innigste miteinander verwoben.
Jede Erde aus jedem Land der Welt ist „Anders“. Sie hat eine eigene Farbe, Struktur und Geruch. Sie beinhaltet die Menschen des Landes, ihr Wissen, ihre Kultur, ihren Glauben, ihre Geschichte, ihre Gegenwart, ihre Gesellschaftsform.
Sie trägt die Wüste, das Ackerland, den Wald, und die Berge in sich. In ihr sind tropische Hitze, arktische Kälte, Schnee, Regen, Sonne und alle Umwelteinflüsse gespeichert.
Sie beinhaltet das Leben von fast 9 Milliarden Menschen, die alle „Anders“ sind.
All diese wunderbare Vielfalt, eigentlich unser größter Schatz führt zu immerwährenden Konflikten.
Dieses „Anders Sein“ und unser Unvermögen damit umzugehen – sollte durch die Vermischung der Welt aufgehoben werden.
Die Vermischung der Welt ist einzigartig. Hier entsteht ein Moment der Erlösung, der Auflösung und der Freiheit von Konflikten.
Ein Akt der absoluten Völkerverständigung.
Der Plan war also Erde zu sammeln, Bäume in der vereinigten Menschheitserde anzusäen und einen Blick auf den momentanen Zustand von Welt und Mensch aufzuzeigen.
Da saß ich nun an meinem Küchentisch und dachte mir: „Gute Idee, ein Riesenprojekt.“
Gleichzeitig stellte sich die Frage: „Wie soll ein vollkommen unbekannter Mann wie ich, Menschen weltweit dazu bewegen mich bei diesem Projekt zu unterstützen?“ Denn eine globale Zusammenarbeit war die Grundvoraussetzung für die Verwirklichung dieses Kunstprojekts.
Diese Frage stand wie ein unüberwindbarer Berg in meinem Geist und nahm mir den Mut die Sache anzugehen.
Ich legte das Konzept in die Schublade.
2. Das sammeln der Erde
Zwei Jahre später, 2013 begann der Start für „Die Vermischung der Welt“.
Eines Morgens war das Projekt plötzlich im Geist absolut präsent. Spontan entschloss ich mich noch am selben Tag damit zu starten. Ich hatte wohl endlich das richtige Maß an Blauäugigkeit und Naivität erreicht. Die treibende Kraft war allerdings auch der Gedanke, wenn ich jetzt nicht damit beginne – werde ich es nie mehr in meinem Leben tun. Dann ist es gelaufen, dann ist es nur eine Idee geblieben. Zum Glück war mir nicht bewusst, dass diese Entscheidung einige Jahre meines Lebens ausfüllen würde.
Noch im Februar bat ich alle aus der Familie, dem Freundes,- und Bekanntenkreis mir einen Teelöffel voll Erde oder Sand mitzubringen, wenn sie eine Auslandsreise unternehmen würden.
Von einer Freundin bekam das Projekt im April die ersten beiden Länder. Italien und die Schweiz. Ich pinte ein Blatt Papier an meinen Küchenschrank und schrieb voller Freude Italien und Schweiz darauf und dachte – Super nur noch 191 Länder, die fehlen. Ich ahnte noch nicht, dass dieses Blatt Papier die nächsten Jahre ein wichtiger Bestandteil meines Lebens sein würde.
Im Mai/Juni kristallisierte sich heraus, dass es zwar gut läuft, doch der Kreis der Menschen zu klein war, um die Welt abzudecken.
Ich entschloss mich dazu im Netz einen Blog zu starten, mit der Idee mich einerseits bei den Menschen zu bedanken die mir Erde schenkten, und vielleicht dadurch auch weitere mir fremde Menschen zu erreichen.
Im Juli 2013 startete der Blog u.a. mit folgenden Text auf der Startseite.
Willkommen und worum es geht. „Die Vermischung der Welt“………
……..und ich muss sagen der Gedanke, dass irgendjemand auf diesem Planeten wegen diesem Projekt vor seine Tür geht, in Kälte oder Hitze, bei Regen oder Sonnenschein, im flachen Land, im Gebirge, oder am Meer, in einem kleinen Dorf oder in einer Megacity macht mich schwindelig vor Freude.
Damit war der Grundstein des Blogs gelegt und mein Gedanke war.“ Naja, jetzt bedanke ich mich einige Monate bei meinen Helfer*innen und dann ist das Projekt durch.“
Genau wie das Blatt Papier mit den Ländernamen das mich manchmal vom Küchenschrank aus freundlich, oder vorwurfsvoll anblickte – je nachdem wie die Sache gerade lief, entwickelte der Blog auch ein unvorhergesehenes Eigenleben.
Bis ins Jahr 2016 habe ich jeden ersten im Monat einen Blog gepostet. Mit Dank an die Spender, mit Erklärungen wie es um das Projekt steht und absolut selbst überraschend mit Themen, die mich damals umtrieben.
Konstant war auch die jährliche Ansage im Blog, nächstes Jahr bin ich bestimmt mit dem Sammeln fertig 🙂
Aber noch immer war das Projekt zu wenigen Menschen bekannt. Nun wurde ich Mitglied bei „Facebook“ mit damals ca. 800 Millionen Usern. Bei aller Sympathie für dieses globalen Kommunikationsmittel, ich konnte mich nicht wirklich damit anfreunden. Aus der Perspektive der reinen Nützlichkeit war „Facebook“ gut. Knapp 40 der 193 Länder erreichten mich über Kontakte bei „Facebook“.
Auch das war nicht genug. Nun entwarf ich eine „Anklopf“-E-Mail, und recherchierte im Netz Adressen, die meine Anfrage vielleicht positiv aufnahmen.
Eine der ersten Adressen die mir einfiel war das Goethe-Institut.
Ich schickte mein „Anklopf“-E-Mail und erhielt ein freundliches Feedback, in dem Sie meinten – Wir finden das Projekt gut und helfen ihnen gerne weiter. Super dachte ich mir und stellte fest, dass das Goethe-Institut in sehr vielen Staaten der Welt vertreten ist.
Spontan hatte ich den Gedanken, wenn ich nun alle Goethe-Institute anschreibe, ist das Sammeln der Erde in zwei Monaten durch.
Die Leute vom Goethe-Institut fanden das überhaupt nicht witzig und haben sich bei mir gemeldet – Lieber Herr Hrapia… so nicht. Ein Land ist ok, mehr nicht.
Da war ich das erste Mal bei meinem Projekt ein klein wenig betreten, weil mir bewusstwurde, dass ich ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen bin. Naja, es war nicht das letzte Mal. Kommunikation ist manchmal ein schwieriges Geschäft!
Freunde übersetzten mir Konzept und „Anklopf“-E-Mail ins Englische, denn meine Kenntnisse sind bescheiden. Das ermöglichte mir über diverse Sprachbarrieren hinweg noch mehr Menschen zu erreichen. Erhielt ich eine Antwort, machten sie für mich die Übersetzung.
Vollkommen unbekannt zu sein, und spärlichste englische Sprachkenntnisse sind gute Voraussetzungen für ein globales Projekt:)
Die Erfahrung war allerdings die – es läuft nicht gut mit den englischen Mails. Die Menschen, die damit im Ausland angesprochen wurden, gaben seltenst eine Rückantwort. Es war leicht frustrierend.
Anfang 2014 habe ich mich dazu entschlossen fast nur noch deutschsprachige Menschen im Ausland zu kontaktieren.
Zeit intensive Recherche im Netz ergab, deutschsprachige Menschen leben in fast jedem Land der Welt, und Menschen aus fast jedem Land der Welt leben in Österreich, der Schweiz, oder in Deutschland.
Nachdem mir auch klar ist wie wir aus dem deutschsprachigen Raum in ungefähr ticken, war es kein Problem, die mir fremden Menschen salopp gesagt unter dem Motto: „Guten Morgen, Guten Abend – das ist das Projekt, können Sie mir weiterhelfen?“ anzumailen.
Einfach nur zu fragen. Eine direkte Frage und darauf kommt eine direkte Antwort. Damit kann ich gut umgehen.
Damals stellte ich fest, die Deutschen sind gut vernetzt mit der Welt.
Meine Aufgabe bestand nun also wieder mal darin weltweit im Netz Adressen ausfindig zu machen. Adressen, Adressen, Adressen.
Von Menschen, Institutionen, und Organisationen, die in mir das Gefühl erweckten – ok das versuche ich.
Es gibt erstaunliche Projekte, an denen in irgendeiner Form deutschsprachige Menschen beteiligt waren, oder Menschen die lange hier gelebt haben und dann in ihre Geburtsländer zurückgekehrt sind.
Eine Frau, die in Kenia verletzte Elefanten pflegt, ein Mann, der sich in Burundi um Straßenkinder kümmert.
Freundes Gruppen von verschiedenen Ländern die eng mit diesen Ländern verbunden sind.
Eine Tauchschule in einem Südseestaat, eine Bundesverdienstkreuzträgerin, die ein Projekt in einem Land unterstützt, geologische Untersuchungen in einem wenig erschlossenen Land, Stiftungen, Institutionen und Organisationen, … Niemand war mehr sicher vor meinen Mails.
Einmal gab es in meinem Küchenradio ein Interview mit einem Koreanistik Professor, der gerade aus Nord-Korea zurückgekommen war. Ich merkte mir den Namen und recherchierte, dass er an einer Uni in Österreich lehrte. Ich telefonierte mit der Uni und schilderte mein An-liegen. Freundlicherweise wurde ich verbunden. (Überhaupt lernte ich viele mir wohlwollende Menschen kennen) Nachdem er vom Projekt hörte, war seine spontane Antwort: „Da haben Sie aber Glück. Mein Bruder hat mich gebeten einen Stein aus einem Gebirge in Nord-Korea mitzubringen. Er gibt Ihnen bestimmt ein kleines Stück ab.“ Ich erwiderte – Wunderbar. Er wiederum: „Es gibt aber ein kleines Problem. Mein Gepäck ist noch nicht da. Das ist aber nach jeder Korea Reise so. Die Geheimdienste benötigen einfach Ihre Zeit, um alles zu durchsuchen! … Vier Wochen später kam ein kleiner Stein – der „zermörsert“ wurde -, aus Nord-Korea in Franken an.
Ich nutzte jede Gelegenheit, um an Erde der fehlenden Länder zu kommen!! Das Projekt bescherte mir emotionale Achterbahnfahrten. Irgendwann habe ich im Vorfeld der Internationalen Tourismusbörse in Berlin die Aussteller*innen recherchiert und in ihren Heimatländern angemailt. Von einigen gab es eine Zusage. Also mit dem Flix-Bus nach Berlin, um Erde auf der ITB abzuholen. Bei der Aktion übernachtete ich drei Nächte in einer erstaunlichen und außergewöhnlichen Wohnung, die mir ein freundlicher Mensch zur Verfügung stellte.
Als alter Zen-Sitzer nahm ich damals auch einmal die Woche die Gelegenheit wahr, in einem Benediktinerkloster an der Kontemplation teilzunehmen.
Dabei kam mir der Gedanke, die Benediktiner sind ja auch weit verbreitet. Also fragte ich nach der Meditation den Mönch ob mir die Benediktiner weiterhelfen könnten. Er meinte:“ Einen Moment Wolfgang.“ Fünf Minuten später kam er mit einem kleinen Glas Erde zurück. „Hier ein Geschenk, Erde aus Ruanda! Von meinem Bruder“.
In extrem schwierigen Fällen wie einigen Staaten in der Karibik, oder Südsee bat ich auch deutsche Botschaften um Hilfe, und „Potzblitz“ bis auf eine Ausnahme haben alle geholfen! Meinen herzlichen Dank dafür! Die Erde kam wohl im Diplomatengepäck nach Deutschland.
So ging die Zeit dahin, und nach gut einem Jahr kam der Monat, an dem das erste Mal kein Brief mit Erde aus fernen Ländern in meinem Briefkasten war. Je mehr Länder erfolgreich gesammelt waren, desto schwieriger wurden die restlichen. Spanien, Italien, Österreich und die anderen Lieblingsreiseländer der Deutschen hatte ich inzwischen x-mal.
Ich wandte mich nun an die Medien, um erneut den Kreis zu erweitern. In der Main-Post einer Unterfränkischen Zeitung erschien ein Artikel über das Projekt.
Auf meinem Zettel am Küchenschrank materialisierten sich dadurch einige neue Ländernamen.
Gleichzeitig ergaben sich dadurch zwei persönliche Kontakte wie sie hin und wieder zustande kamen, und die ich im Projektverlauf schätzen gelernt habe.
Eine ältere Dame rief mich an und sagte:“ Ich habe etwas für ihr Projekt. Essen Sie Kuchen?“
Ich: „Ja“ Sie: „Dann machen Sie mal Kaffee und ich komme morgen bei Ihnen vorbei.“
Am nächsten Tag brachte Sie Kuchen und ein Sand Bild mit. Auf der vordersten Glasscheibe sind sieben Kamele gemalt und zwischen den folgenden Scheiben waren alle Sande der sieben Vereinigten Arabischen Emirate verteilt. Kippt man das Bild, verändern sich die „Sanddünen“ Sie hatte lange Jahre in Saudi-Arabien gelebt und erzählte spannende Geschichten.
Durch einen anderen Anruf wurde ich nach Würzburg eingeladen. Diesmal hatte ich Kuchen dabei.
Ein älteres Ehepaar war dabei seine Wohnung aufzulösen. Ihr ganzes Leben lang waren die beiden gereist und hatten von jeder Reise eines von diesen schmalen hohen Olivengläser voll Sand mitgebracht.
Da standen dann sehr viele Gläser aus sehr vielen Ländern vor mir auf dem Tisch. Beschriftet mit 1984…, 1985…, 1986… usw. Sand aus dem letzten Jahrtausend.
Das Ehepaar war der Meinung „Die Vermischung der Welt“ sei der richtige Ort für die Reisen ihres Lebens!!
Drei von den vielen Ländern hatte ich noch nicht.
Im nach hinein bin ich froh darüber, dass mir dieses Geschenk nicht am Anfang des Projektes gemacht wurde. Es wären mir viele Kontakte entgangen.
Insgesamt waren es am Ende knapp 30 Liter Erde. Spanien und Algerien haben einen Spitzenplatz mit ungefähr einer Bauschaufel voll Erde.
Meine Frage war immer – ein Teelöffel voll. Aber die Vorstellung von einem Teelöffel sind weltweit unterschiedlich. Eine Suppenkelle kann auch ein Teelöffel sein, oder ein kleiner türkischer Teelöffel mit Erde im atomaren Bereich.
Es faszinierte mich, wo genau die Erde herkam.
Mit bergsteigerischen Mitteln wurden Steinsplitter von Berggipfeln in Kasachstan und Tansania geborgen.
Der Kilimandscharo der höchste Berg Afrikas ist wahrscheinlich den Hauch eines Millimeters kleiner geworden. Zermahlen sind sie jetzt Teil der vereinigten Menschheitserde.
Sand wurde vom Grund des Meeres „ertaucht“. Überhaupt die Inseln der Südsee. Prognosen sagen das einige dieser Länder in wenigen Jahrzehnten im Meer versunken sind.
Von der Bootsanlegestelle von Albert Schweitzer in Lambarene kam Erde.
Von heiligen Stätten mit indigener, buddhistischer, und christlicher Geschichte kam sie.
Von der Stelle, an der die Unabhängigkeitserklärung eines Landes verlesen wurde erhielt ich Erde von der Botschafterin des Landes in Deutschland.
Vom Pflaster einer Megacity wurde ein Löffel voll Diverses zusammengekehrt. An dieser Stelle ist ein qm Bauland Exordinär teuer.
Vom Rollfeld eines Flughafens hinter der Zollkontrolle eines diktatorischen Landes mit allen Abfall wie Plastik und Zigarettenkippen kam Erde.
Von der Eisenbahnstrecke zu einer Erz-Mine erhielt ich erzhaltige Erde mit einem Brief wie ungerecht die Situation in der Mine für die Arbeiter ist.
Da erlebte ich eine weitere seltsame Situation. Nicht die Erste und nicht die Letzte.
Einmal die Woche spielte ich damals Boule. Ein Boule Kollege, der mich vorher noch niemals auf das Projekt angesprochen hatte fragte mich an diesem Tag wie es denn damit so läuft, und ich erzählte ihm die Geschichte mit der Erz-Mine. Er machte große Augen und erzählte das er in jungen Jahren als Seemann arbeitete. Sein Schiff brachte die ersten Eisenbahnschwellen aus Südamerika für diese Eisenbahnlinie in das Land. Sie wurden damals bis zum kleinsten Matrosen zu einer Baustellen Eröffnungsfeier der Zugstrecke eingeladen.
Dann lernte ich eine Sandsammlerin kennen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt, meine Unwissenheit ist grenzenlos, und mein Horizont hat sich in diesen Jahren auf jeden Fall erweitert:) Sie war weltweit vernetzt und mit Ihrer Hilfe bekam ich Sand aus einigen schwierigen Ländern.
Eines Tages kam anonymerweise Post mit Erde aus Utopia! Welch spannendes immaterielles Land. Der oder die Absender/in meinte: „Das Traumland eines jeden Menschen, formbar durch die eigene Fantasie sollte bei dem Projekt „Die Vermischung der Welt“ nicht fehlen.“
Irgendwann entdeckte ich Foren im Netz. Das Afrika-Forum, das Südamerika-Forum usw. Ich weiß nicht mehr in wie vielen Foren ich unterwegs war, um Kontakte zu knüpfen. Wieder eine neue Welt.
Die Erde kam in den unterschiedlichsten Verpackungen. Es waren Gläser, Flaschen, Plastikbeutel und Tüten in unterschiedlichsten Variationen. Filmdosen und Überraschungseier. Zigaretten,- und Streichholzschachteln. Hülsen für Zigarren. Wunderschön eingepackte Päckchen in Stoff. Kartons mit verschiedenen eingebauten Fächern, in denen zehn verschiedene Erden lagen. Erde in kleinste extrem verknotete Plastiktütchen, die monatelang im Rucksack durch Südamerika reisten. Briefe mit bunten Marken.
Mit Fotos von den Teelöffel-Baggerstellen. Mit GPS-Daten, mit Beschreibungen des Ortes. Mit Aussagen zur Schönheit der Welt und der Seltsamkeit der Menschen.
Hin und wieder bedankte ich mich bei meiner Blauäugigkeit und Naivität, weil ich stellenweise an meine Grenzen kam.
Hätte ich gewusst, dass …!! Hätte ich dann begonnen…??
Ich hatte kaum Einnahmen. Ich brauchte Geld für meinen Lebensunterhalt und für das Projekt. Es sollte ja u.a. in eine Ausstellung münden mit Installationen, Fotos, eine Globalisierungsmaschine etc.
Also eröffnete ich eine weitere unvorhergesehene Baustelle und bemühte mich um „Crowd- Funding“. Gleichzeitig nahm ich mit einem großen Unternehmen Kontakt auf. Beide Projekte der Geldbeschaffung scheiterten. Es lag wohl daran, dass ich war mir inzwischen nicht mehr sicher war, ob das Projekt zu realisieren sei. Die Ungewissheit ob die Erde zusammenkommen würde, schwebte permanent über dem Projekt und hemmte mein Handeln.
Dazu kam – ich bin nicht wirklich ein kommunikativer Mensch. Das Projekt forderte von mir aber unerbittlich immer wieder aufs Neue kommunikativ zu sein.
Bei manchen Erden lag zwischen dem Erstkontakt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Erde bei mir eintraf zwölf Monate. Ich musste die ganze Zeit dabei sein. Mich vergewissern ob es noch aktuell ist, freundlich und ermunternd zum fremden Gegenüber sein. Zu gewissen Zeitpunkten des Projektes war es schwierig für mich, da hatte ich kaum noch Energie dazu.
Der Zweifel hatte mich im Griff! Eine unangenehme Erfahrung. Manchmal fühlte ich mich durch den kommunikativen Zwang auf meiner geistigen und seelischen Ebene nackt.
Die ersten beiden Jahre des Projektes waren dagegen relativ leicht. Mein Briefkasten liegt ca. 150 m vom Haus entfernt, und ich kann mich daran erinnern, dass ich jedes Mal vom Briefkasten ins Haus zurück vor Begeisterung geschwebt bin.
Das hatte sich irgendwann geändert. Wochenlang kam keine Erde, trotz aller Bemühungen. Natürlich war die Freude groß, wenn denn mal Erde kam, aber das Sammeln wurde zu einer Pflicht. Noch fünfzehn Länder, noch sechs Länder, die fehlen, noch fünf Länder, noch vier…… und die kosteten verdammt viel Energie. Es war zäh wie in einem Sumpf.
Gleichzeitig hatte ich auch ein Verantwortungsgefühl meinen vielen Erdspender*innen gegenüber. Sie fanden das Projekt gut, hatten selbst Energie investiert, um mir zu helfen – ich konnte nicht aussteigen, ich wollte sie nicht enttäuschen.
Keiner sagte zu mir – du musst das fertigstellen. In meinem Kopf lief dennoch dieser seltsame Film ab. Ich war zum Gefangenen des Projektes geworden.
Anfang 2016 fehlte mir noch ein Land. Nauru, ein Südseestaat. Im Laufe des Projektes be-rührte ich hin und wieder Nauru, aber es war mir unmöglich einen Kontakt zu knüpfen, es war echt „tricky“. Ich versuchte vieles, u.a. kontaktierte ich die neuseeländische und australi-sche Botschaft, aber Nauru erwies sich als unmöglich! Wahrscheinlich existierte es damals nicht auf unserem Globus.
Ich hatte Erde aus 192 Länder gesammelt und einen unglaublichen Ritt von 3 Jahren und drei Monaten hinter mir. Ich war am Ende, das Projekt erschien mir wegen einem Land als nicht durchführbar!
Plötzlich ergab sich eine neue Situation. Ich hatte die einmalige Gelegenheit einen kleinen Bahnhof, der in einem erbarmungswürdigen Zustand war, zu renovieren.
Ich überlegte so hin und her und die Renovierung des Bahnhofs die ich allein machen sollte, erschien mir auf einmal als rosaroter Notausgang vom Projekt. Das Einzige, was mich bei mei-ner Entscheidungsfindung hemmte waren die Erdspender*innen.
Ungefähr 350 Menschen waren daran beteiligt mir 250 Sendungen mit dreimal so viel Erden zu schenken.
Die Entscheidung war schwer, weil ein Aussteigen auch ein Scheitern für mich bedeutete.
Ich entschied mich für den Bahnhof und kappte jeden Gedanken an das Projekt – bis auf den einen. Bin ich mit dem Bahnhof fertig, dann steige ich nochmals ein.
Der Bahnhof entwickelte sich auch zu einem größeren Projekt.
In der Zwischenzeit hatte einer meiner Schwiegersöhne auf seltsamen Wegen einen Kontakt nach Nauru geknüpft.
Er stellte einen Kontakt mit einer Nauruanerin her, die ihn allerdings für einen Internet Gangster hielt und wenig damit anfangen konnte das er einen Teelöffel Sand haben wollte. Er musste wohl viel Überzeugungsarbeit leisten, um sie dazu zu bewegen ihm Sand zu schicken. Am Ende tat sie ihm den Gefallen und mit den Worten „God save my soul and my internet account“ ging sie zur Post :)Ach ja, der Großvater der Frau war ein deutscher der im ersten Weltkrieg in Nauru hängen blieb.
2019 bekam ich zum Geburtstag Nauru! Feine Sache. Ich hatte inzwischen den richtigen Abstand zum Projekt und es hat in mir eine große Freude ausgelöst das 193te Land, das schwierigste, das nicht vorhandene Nauru zu erhalten.
Allein das Sammeln der Erde kann als Kunstprojekt betrachtet werden.
3. Statements und „Die Vermischung der Welt „
Im Mai 2020 stieg ich wieder in das Projekt ein. Vor dem Vermischen waren noch drei Zwischenschritte nötig.
1- Ich holte die Post, die wohl verpackt in Kartons vier Jahre lang geruht hatte hervor, und fotografierte jede Sendung einzeln, wie ich sie erhalten habe. Es war ein Déjà-vu Erlebnis der besonderen Art.
2- Mit einer Freundin errichtete ich ein 4,50m hohes und 3,30m breites Gestell aus Rundholz. Zwischen den Hölzern haben wir Schnüre gespannt und mit Wäscheklammern alle Sendungen daran befestigt. So dass man gut den einzelnen Brief etc. erkennen kann. Irgendwann während dieser Aktion meinte das Wetter – jetzt mache ich mal auf Wind, und vielleicht lasse ich es auch regnen. Einige Male mussten wir Briefen hinterherlaufen, die vom Wind verweht wurden.
3- Als letztes entstand ein Foto, auf dem alle Erden der Welt in ihren Farben zu sehen sind.
Dann verpackte ich jeweils einen Teelöffel voll Erde in bunte Filmdosen. Außen beschriftet mit dem jeweiligen Ländernamen. Es waren 193 UN – Vollmitgliedstaaten und weitere Länder mit Beobachterstatus, oder Länder, die gerade im Entstehen waren wie z.B. Taiwan, Palästina, Somaliland, Kosovo und natürlich Utopia.
Die 200 Filmdosen kamen in eine große (leicht beschädigte) Reisetasche, und das „Weltvermischungs-Gefäß“ war ein Weidenkorb mit einem größeren Blumenübertopf im Inneren, aus-gelegt mit blauen Stoff. Ich organisierte noch ein Krawattenmikrofon und eine Kamera.
Die Idee war 100 Menschen zu finden, die jeweils blind zwei Filmdosen aus der Reisetasche zogen, die Ländernamen vorlasen, und die Erde in das unspektakuläre „Weltvermischungs-Gefäß“ gaben. Mein Wunsch an die 100 Weltvermischer*innen war, dass sie mir danach ein Statement schenkten.
Stichpunkte – Globalisierung, Zukunft, Menschheit, Raumschiff „Erde“, Klimawandel. Entweder zu einem Punkt mehreren oder allen. Dauer des Statements maximal 10 Minuten. Das Ganze wollte ich filmen.
So weit so gut.
Ich überlegte mir, von wem ich gerne ein Statement hätte, und kam auf eine Liste von 25 Menschen/Organisationen.
Mit einer Erklärenden-E-Mail meldete ich mich bei Amnesty, BUND, Fridays for Future, Parteien, Verbänden usw. in Würzburg und näherer Umgebung. Es funktionierte ziemlich gut. Zu meinem Erstaunen waren auf einmal Landtagsabgeordnete, zwei Bundestagsabgeordnete*r, und weitere Funktionsträger*innen aus verschiedenen Bereichen dabei – und natürlich der berühmte „Normalsterbliche“, der manchmal ganz schön abgefahrene Dinge macht. Das Ganze war natürlich schon wieder mit einem großen Zeitaufwand verbunden. (siehe sammeln 🙂 – naja, nicht wirklich so heftig.
Nach ungefähr dem zehnten Statement kam mir die glorreiche Idee mich weiterreichen zu lassen. Erstens sollte das meinen Zeitaufwand minimieren, und zweitens würde mich der Zufall führen. Etwas das ich schätze. So fragte ich jeden nach dem Statement ob er oder sie jemand kennt an den er oder sie mich weiterreichen würde. Manchmal klappte es und ich traf dann Menschen, mit denen ich sonst niemals in Kontakt getreten wäre.
Es war Corona Zeit. Für mich hat es die Vermischung der Welt erschwert, da einige der Statementer*innen im letzten Moment deshalb abgesprungen sind, oder den Termin auf die Zukunft verlegen wollten. Ein zäher Corona Sumpf!
Es hat mir viel Freude bereitet die Menschen an den Orten Ihrer Wahl zu treffen und die Statements zu filmen. Die Qualität meines Filmschaffens ist manchmal nicht so toll, aber im Großen und Ganzen passt es. Zwei Statements sind durch eine Unachtsamkeit meinerseits
nicht brauchbar.
Für manche Statementer*innen war es eine Ehre, oder ein historischer Moment die Welt zu vermischen. Manche haben sich durch die Aktion auch erstmals mit dem Thema auseinander-gesetzt und wollten Worte finden, die ihnen wichtig waren. Andere erlebten als sie ein be-stimmtes Land blind aus der Tasche zogen einen engen Bezug zu ihrem vergangenen oder gegenwärtigen Leben.
Ein Mann erzählte nach dem Statement, das er lange Jahre mit einer Frau aus diesem Land verheiratet war. Eine Frau erzählte das Ihr Vater vor kurzem eine Frau aus diesem Land geheiratet hatte. Eine andere war Buddhistin und zog die einzige Erde von allen die von einem buddhistischen Heiligtum stammte.
Die leicht lädierte Reisetasche mit der Welt hatte inzwischen einen weiteren Schaden erlitten. Die Welt war zu schwer und erst verabschiedete sich ein Tragegriff und kurz darauf der zweite.
Ich kann nur sagen, die Welt ist tatsächlich schwer. Manches Mal schleppte ich die Welt, das „Weltvermischungs-Gefäß“, ein Stativ und die Kamera über Stock und Stein, um zu dem Ort zu gelangen, den meine Statementer*innen sich ausgesucht haben – solange bis der Arm abfällt:)
Dann kommt ein Statement von einer Minute, und ich denke bei mir „oh Mann“ was für ein Aufwand für die schmale Zeit! Danach speicherte ich das Statement zuhause ab und schaute es mir dabei in aller Ruhe nochmals an. Und dann kommt der Gedanke „oh Mann“ wie gut ist das denn! Zeit und Ort bestimmten immer die Weltvermischer*innen.
Von der Idee bis zu dem Moment als die letzte Erde sich ins „Weltvermischungs-Gefäß“ schmiegte waren gut zehn Jahre vergangen. Eine lange Zeit für ein kurzes Menschenleben. Eine seltsame Reise habe ich mit und durch das Projekt unternommen. Ich möchte es trotz aller Schwierigkeiten nicht missen. Es war mir eine Ehre und Freude mit all den Menschen zusammenzuarbeiten, die das Projekt erst möglich machten. Wahrscheinlich waren ungefähr 500 Menschen am gesamten Projekt beteiligt.
Beim Sammeln der Erde, bei den Statements, bei Hilfestellungen, beim Mut machen, bei den Bäumen.
Ohne sie wäre es nicht durchführbar gewesen. Wir haben es zusammen realisiert. Ich war nur der Initiator.
Die Welt hielt nicht den Atem an als der letzte Moment der Vermischung geschah und Alles trennende aufgehoben war. Ich schon!
Die Statements sind auf YouTube unter Die Vermischung der Welt zu sehen.
4. Die Bäume.
Zuletzt besorgte ich mir Samen unterschiedlicher Baumarten. Diesen Samen legte ich in Anzuchtgefäße mit Erde und jeweils einem Teelöffel voll vereinigter Menschheitserde. Nach drei Jahren waren diese groß genug, um wenige zu verkaufen, und die meisten zu verschenken.
Einige der Bäume stehen hier auf dem Gelände der Firma HAAF. Vielen Dank dafür. Und ein extra großes Danke an die Mitarbeiter die die Bäume pflegen!


















